Donnerstag, 14. April 2011

Wie die neuen Abenteuer von Chrigis alten Fussballschuhen begonnen haben


Es war einmal vor langer Zeit, da standen zwei paar schwarze Fussballschuhe in einem kleinen Dorf im Baselbiet in einem Schuhschrank. Ein oder zwei Mal pro Woche durfte ein Schuhpaar das tun, was sie beide am liebsten taten. Ein blonder junger Mann holte eines von ihnen aus dem Schrank und jagte über den Bolzplatz. Sie gaben beide immer ihr Bestes. Manchmal freute sich der junge Mann, hüpfte hoch hinauf und umarmte andere Spieler. Dann sahen auch sie für einen Moment die grossen Zusammenhänge des Spiels. Doch meist blieben sie auf dem Boden der Tatsachen. Sie sprinteten, wendeten sich auf der Stelle, wirbelten Staub auf. Wenn sie in vollem Tempo hart gegen den Schienbeinschoner eines anderen Spielers krachten, ärgerte sich der blonde junge Mann immer sehr. Sie wussten nie genau worüber, über den Schmerzensschrei oder den folgenden lauten Pfiff. Jedenfalls stapften sie dann mit ihrem unmutigen Träger wieder zurück Richtung eigenes Tor. So lebten die beiden Fussballschuhpaare viele Jahre glücklich und zufrieden.

Doch dann wurde die Zeit im Schuhschrank immer länger und länger. Halbschuhe, Sandalen, Flip-Flops, Camel Boots und andere für Fussball völlig untalentierte Verwandte stapelten sich über und vor ihnen. Bald lagen sie beide zusammengedrängt an der Rückwand des Schuhschranks. Manchmal sprachen sie leise über ihre enttäuschten Hoffnungen: Einmal auf einem grossen Platz spielen, einmal gegen das Schienbein eines richtigen Stars zu krachen und schliesslich einmal, wenn der junge blonde Mann alt geworden war, an einem Nagel über einer kleinen Bar zu hängen und seinen Erzählungen über die gemeinsamen Fussballerfolge zu lauschen. Ihre Gespräche wurden immer seltener und kürzer. Meist schwiegen sie und dachten still, wehmütig an den warmen, feuchten Fussschweiss, den sie immer dankbar in ihr Leder aufgesogen hatten.

Ganz unerwartet traf sie eines Tages die grosse Aufregung, die im Schuhschrank ausbrach. Alle ihre Nachbarn wurden herausgerissen und verschwanden. Genau konnten sie es nicht sehen, aber einige wurden in eine grosse Kiste geschmissen, einige in eine grosse, schwarze Plastiktüte gesteckt. Die Schranktür blieb offen. Die Tüte wurde zugebunden und vor die Tür befördert, die Kiste zugeklebt und auf einen Stapel anderer Kisten gestellt. Die beiden Fussballschuhpaare waren sehr beunruhigt, was nun mit ihnen geschehen würde. Langsam wurde es wieder ruhiger, als ein etwas älterer Mann mit kurzen Haaren und einem Stoppelbart vor dem Schrank auftauchte. Er musterte sie einen Moment. Dann drehte er sich um und rief: "Chrigi, was ist mit deinen alten Fussballschuhen? Brauchst du die noch?" Sie hörten die Stimme des jungen blonden Mannes: "Weiss nicht. Nein, eigentlich nicht." Der ältere Mann griff nach ihnen und holte sie aus dem Schrank. Er trug sie ins Wohnzimmer. Setzte sich auf's Sofa und zog erst das eine dann das andere an. "Die passen perfekt," rief der alte Mann. "Kann ich die behalten?" Der junge blonde Mann trug gerade eine Kiste durch die offene Haustür nach draussen. "Ha ha, willst du etwa noch Fussballspielen und dir deine Knochen brechen?" "Nein, aber die Schuhe sehen so gut aus wie Halbschuhe und passen perfekt."

Der Mann stand auf und trug sie zurück zum Schrank. Er stellte sie auf ein anderes Tablar, nicht nach hinten, sondern ganz nach vorne. Dann schloss er die Schranktür.

Die beiden Fussballschuhpaare spürten, dass ihr Leben sich dramatisch verändern würde. Offenbar lagen neue Aufgaben vor ihnen, Dinge für die sie nicht geschaffen waren. Doch der alte Mann traute ihnen zu, dass sie das alles bewältigen konnten. Und sie wussten endlich wer sie waren: Chrigis alte Fussballschuhe. Da konnten sie dem alten Mann sogar verzeihen, dass er sie mit Halbschuhen verglichen hatte. Sie freuten sich, auf die Zukunft. Und wenn Sie nicht gestorben sind, erleben sie noch heute manche Abenteuer zusammen mit dem älteren Mann mit den kurzen Haaren und dem Stoppelbart.

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